"Reisende Brieftauben"(1890)


von Dr. Karl Ruß in "Die Gartenlaube" 1890, Heft 6, Seiten 188 und 189

Die Gartenlaube (1890) 188

Die Gartenlaube (1890) b 189.jpg
Von Verschiedene - Scan des Originals, Gemeinfrei, Link

 

 

In der 1890 erschienen Zeitschrift "Die Gartenlaube", Heft 6, S. 188 und 189 (siehe oben) gibt Dr. Karl Ruß einen Überblick über den Stand des Brieftaubensports in Deutschland.

 

Nach den Erfolgen im deutsch-französischen Krieges ist auch in Deutschland die Brieftaubenliebhaberei sehr beliebt geworden.

 

Die oberste Militärbehörde des Deutschen Reichs hat in allen bedeutenden Festungen sogenannte Brieftaubenstationen eingerichtet und das Netz derselben noch immer enger zu ziehen versucht. Gleichzeitig betreiben alle übrigen Länder, neuerdings besonders die Vereinigten Staaten von Nordamerika, Italien, Rußland und selbst Dänemark diesen Kriegsbrieftaubensport ebenfalls eifrig.

 

 

Parallel dazu schießen die Liebhabervereine förmlich wie Pilze aus dem Boden und eine eigene Zeitschrift für Brieftaubenliebhaber wird aufgelegt.

 

Bisher gibt es in Deutschland etwa 100 Brieftaubenzüchtervereine mit ungefähr 30.000 Tauben. Für Kriegszwecke werden bereits zwischen 6.000 und 8.000 Tauben gehalten.

 

Im Etat des deutschen Reichshaushalts wurde die Summe für das Kriegsbrieftaubenwesen auf 50 000 Mark erhöht, so daß sie also 15 000 Mark mehr als in früheren Jahren beträgt.

 

Das Kriegsministerium in Berlin hat eine Medaille mit der Inschrift „Für Verdienste um das Militärbrieftaubenwesen“ herstellen lassen. Der Minister für öffentliche Arbeiten in Preußen hat alle möglichen Vergünstigungen bei der Versendung der Brieftauben bewilligt, und der Minister für Landwirthschaft hat sogar Belohnungen für das Abschießen der für die Brieftauben gefährlichsten Raubvögel (Wander- und Baumfalk, Habicht u. a.) ausgelobt.

Medaille mit Kaiser Wilhelm für Verdienste um das Militär-Brieftaubenwesen (hier in silber)
Medaille mit Kaiser Wilhelm für Verdienste um das Militär-Brieftaubenwesen (hier in silber)

Als Neuerung wurden Brieftaubenstationen für den Dienst der Luftschiff-Abteilung des Eisenbahnregiments bei Berlin u. a. eingerichtet. Die hier gezüchteten Tauben werden nun eigens für Reisen mittels der Luftballons abgerichtet oder, wie der Kunstausdruck lautet, trainiert. Dieser Weg ist zweifellos der einzig richtige, um die Brieftaube für den Fall des wirklichen Kriegs nutzbar zu machen, denn nur so ist es möglich, Tauben aus einer belagerten Festung heraus oder in dieselbe hinein zu bringen und in entsprechend umgekehrtem Verhältnis Nachrichten in die Festung oder aus derselben heraus gelangen zu lassen.

 

Eine "absonderlich eingerichtete Uhr" zur raschen Feststellung der bis auf die Sekunde genauen Ankunft der Brieftauben, ein elektrischer Meldungsapparat zur Verkündung der Ankunft, Verbesserungen in der Herstellung und Befestigung der mittels fotografischer Verkleinerung erstellten Depeschen an den Schwanzfedern der Tauben, Fußringe zur Kennzeichnung, verbesserte Plombenzangen und praktischer eingerichtete Reisekörbe, immer reichere Erfahrungen in der Verpflegung, vervollkommnete Nistvorrichtungen u. a. m., sind die Fortschritte, die die Brieftaubenliebhaberei in kurzer Zeit aufzuweisen hat.

Auch strebt man nach immer größerer Erhöhung der Flugleistungen. Dr. Ruß weist darauf hin, daß auch in diesem Bereich erstaunliche Fortschritte zu verzeichnen sind.

Als Beispiel nennt er, daß bei einem Wettflug die beiden ersten in Köln gestarteten Tauben des Vereins „Phönix“ nach 4 Stunden 38 Minuten in Berlin eintrafen.

 

Taubenuhr aus 1890, Hersteller unbekannt
Taubenuhr aus 1890, Hersteller unbekannt

 

Er beschreibt dies als die höchste Fluggeschwindigkeit, welche bis dahin bei gut eingeübten, flugessicheren Tauben zu verzeichnen war. Die Entfernung zwischen Köln und Berlin beträgt 474 Kilometer oder 64 Meilen Luftline. Diese Tauben haben also in der Minute rund 1700 Meter zurückgelegt. Schnellzüge bringen es zur damaligen Zeit nur auf 50 Kilometer in der Stunde oder 833 Meter/ Minute bringen.

Die Durchschnittsgeschwindigkeit guter Brieftauben schätzt er auf 1.000 bis 1.200 Meter/ Minute schätzen.

 

Die seit neuestem eingeführte Verwendung der Brieftauben liegt in ihrer Abrichtung zur See. So ist es gelungen von in der See liegenden Leuchtschiffen aus bei stürmischem Wetter die Lotsen für herankommende Schiffe durch Brieftauben vom Lande herbeizurufen.

 

Auflass deutscher Brieftauben in Dover
Auflass deutscher Brieftauben in Dover

 

Außerordentliche Erfolge wurden bei der wirklich zuverlässige Abrichtung der Brieftauben zum Hin- und Zurückfluge erzielt. Bis dahin hatten sich die Tauben nämlich immer nur in einer Richtung verwendbar erwiesen.

 

Der Leiter des italienischen Kriegsbrieftaubenwesens hat Tauben so trainiert, daß einige seiner mit Depeschen beladenen Tauben zwischen zwei Festungen hin und zurück ihren Dienst flogen.

 

Einige Beispiele für Hülsen, in denen die Depeschen transportiert wurden.
Einige Beispiele für Hülsen, in denen die Depeschen transportiert wurden.

 

Seine Anleitung zu dieser Abrichtung erschien soeben unter dem Titel „Experimente über Hin- und Rückflug der Militärbrieftauben“, ins Deutsche übertragen und besprochen vom sächsischen Artillerielieutenant Fellmer (Berlin, Fr. Luckhardt).

 

Derartige Versuche waren ja, wie vom Hofrath A. B. Meyer in den „Mittheilungen des ornithologischen Vereins von Wien“, und dann auch in meiner Zeitschrift „Die gefiederte Welt“ dargelegt worden ist, schon vielfach relativ erfolglos angestellt worden.

 

Ruß sprich auch die hohen Erwartungen an die Brieftauben an und nennt Wind, Wetter, Nebel, Sturm und Ungewitter, die Kugel von Raubschützen, Greifvögel und zahlreiche andere Gefahren als bedrohlich für den Dienst des geflügelten Boten.

 

 

Den hohen Stellwert der Brieftauben im militärischen Kontext zeigen die verschiedenen Auszeichnungen "für Verdienste um das Militär-Brieftaubenwesen". Hier Vorder- und Rückseite eines entsprechenden Ordens.
Den hohen Stellwert der Brieftauben im militärischen Kontext zeigen die verschiedenen Auszeichnungen "für Verdienste um das Militär-Brieftaubenwesen". Hier Vorder- und Rückseite eines entsprechenden Ordens.

 

Er weist auf seine vor 15 Jahren erbrachte Stellungnahme hin, dass die Brieftaube nicht der Telegrafie ebenbürtig sei. Auf weite Entfernung ist die Gewschwindigkeit der Datenübertragung deutlichst langsamer und auch bei geringen Entfernungen wird sie weder in der einen noch anderen Hinsicht den Telegrafen übertreffen.

 

Für Europa bleibt die Brieftaube demnach ein Gegenstand des Sports, das heißt einer "allerdings ungemein anregenden Liebhaberei".

 

"Wenn die Tauben, mit Wind und Wetter kämpfend, wie es das schöne Spechtsche Bild veranschaulicht, in Schraubenlinien aufsteigen, um sich in eine solche Luftschicht emporzuschwingen, in der sie einerseits nicht mehr widrigen Wind haben, und in der ihnen andererseits ein weiter Ausblick für das Zurechtfinden zu Gebote steht, so sehen wir, daß der ganze Schwarm, der bisher wohl verhältnißmäßig lange Frist rastlos in malerischem Fluge kreiste, nun plötzlich nach der rechten Richtung hin abschwenkt – und da fragen wir uns unwillkürlich: worin liegt denn diese Gabe des Vogels, auf unglaublich weite Entfernungen hin sich zurechtzufinden und die Heimath wieder zu erreichen? Die Antworten auf diese Frage fallen sehr verschieden aus, denn es ist der wissenschaftlichen Forschung bis heute noch nicht gelungen, eine endgültige und stichhaltige Begründung dieser Thatsache zu finden."