Artikel des Dr. Karl Ruß im Februar 1875 über den Brieftaubensport


Deutsches Postarchiv - Beiheft zum Amtsblatt der deutschen Reichs-Postverwaltung

Noch bevor Dr. Karl Ruß im Jahr 1877 mit "Die Brieftaube - ein Hand- und Lehrbuch für ihre Verpflegung, Züchtung und Abrichtung" eines der ersten deutschsprachigen Bücher über Brieftauben heraus brachte, verfasste er für das „Deutsches Postarchiv – Beiheft zum Amtsblatt der Deutschen Reichs-Postverwaltung, Nr. 4 aus Februar 1875“ einen umfangreichen Artikel über den Brieftaubensport in Deutschland und den Nachbarländern.

 

Die damals aktuelle Berichterstattung gibt einen facettenreichen Überblick über den Einsatz der Brieftaube zu militärischen Zwecken, aber auch als Liebhaberei und über den Grad der Organisation des Brieftaubensports in den einzelnen Ländern. Dr. Ruß zeichnet detailreich ein Bild über die Optik und Orientierungsfähigkeit der damaligen Brieftaube.



Taubensport in Belgien

 

In Belgien hat sich die Brieftaubenliebhaberei bereits seit Jahrzehnten eingebürgert und ist in allen Schichten der Gesellschaft verbreitet.

Es bestehen in Belgien bereits 800 Brieftauben-Vereine, allein in Antwerpen 30. Im Jahr 1872 wurden in Belgien 980 Wettflüge veranstaltet, bei denen 155.000 Tauben ausgesandt wurden und 29.340 Preise ausgesetzt waren. Im Jahr vorher waren es 885 Wettflüge mit 124.000 Tauben und 15.450 Preisen.  

 

Alle über Belgien verteilten Vereine oder Gesellschaften sind in einem großen Bund vereinigt und die Liebhaberei ist vollständig organisiert.

Während früher die Taubenkörbe durch Träger an die Bestimmungsorte getragen wurden, werden nun besonders ausgestattete Eisenbahnzüge genutzt. Es werden zuverlässige Wärter mit gesandt, die den Auflaß leiten.

  

Bei den weiteren Touren konkurrieren nicht die einzelnen Liebhaber, sondern die Vereine. Neben den Preisen der einzelnen Gesellschaften werden von den Ortschaften und vom Staat Prämien ausgesetzt und das Taubenwettfliegen wird zum allgemeinen Volksfest.

 

 „Die Entfernungen der einzelnen Städte wurden genau abgemessen und den fern gelegenen wird für jede Meile weiterer Entfernung eine bestimmte Anzahl von Minuten gut geschrieben. Doch entspricht diese Einrichtung wohl eher nicht der Billigkeit, denn die Tauben der entfernten Städte sind gegen die der nächstens ganz bedeutend im Nachteil, die sie bei einer langen ermüdenden Tour die letzten Meilen unmöglich mit einer gleichen Geschwindigkeit zurück legen können.“

 

Taubensport in Frankreich

 

Die Liebhaberei für Tauben ist in Frankreich nicht so in das Volk gedrungen, so ist sie dort aber auch schon seit Jahrzehnten heimisch. Im Jahr 1820 wurde die erste Taube, die die Bahn von Paris bis Verviers durchflog, mit Musikbegleitung und Böllerschüssen im Triumph durch die Stadt getragen.

So allverbreitet wie in Belgien ist die Brieftaubenliebhaberei in Frankreich aber noch nicht. Abgesehen von ein paar einzelnen, enthusiastischen Liebhabern und Vereinen verlässt man sich vielmehr auf die Regierung (für militärische Zwecke) und erachtet es nicht als notwendig auch privat die Brieftaubenzucht zu betreiben.

 

 Brieftaubensport in Deutschland

 

Hier ist es anders als in Frankreich, auch wenn der Brieftaubensport sich nicht wie in Belgien zu einer alle Volksschichten durchwurzelnden Nationalangelegenheit entwickeln wird, verbreitet sich die Liebhaberei fortlaufend in einer sehr lebhaften Art und Weise.

 

Durch das Herabschießen französischer Transportballons fielen den deutschen Soldaten einige Pärchen Brieftauben in die Hände, welche in die Sammlung der Frau Prinzessin Karl von Preußen übersandt wurden. Diese Pärchen Brieftauben bilden den Kristallisationspunkt, um den herum sich der Brieftaubensport in Deutschland entwickelte. Durch Ausstellung der erbeuteten Tauben auf den größten Geflügelausstellungen im Land wurde die Begeisterung für die Brieftauben-Liebhaberei geweckt und hat sich über ganz Deutschland ausgebreitet.

 

Im Rheinland jedoch, wo sich die Brieftauben-Liebhaberei am rasantesten entwickelte, sind die zahlreichen Vereine wohl eher durch belgischen Einfluss gegründet worden.   


Erbeutung eines französischen Transportballons durch preußische Husaren
Erbeutung eines französischen Transportballons durch preußische Husaren

Organisationsgrad des Brieftaubensports          

 

 In Belgien gibt es 1875 bereits eigene Fachjournale, unter denen „L` Epervier: Moniteur des Societes Colombophiles“ (in französischer Sprache) und „Duifen liebheffer“ (in flämischer Sprache) die bedeutendsten sind.

 

Berichtet wird in den Journalen sowohl über die in allen Städten des Landes veranstalteten Wettflüge mit den jeweils ausgelobten Geldpreise, Diplomen und Medaillen als auch über das Vereinsleben, Kauf, Tausch und Wiedererlangung verlorener Tauben.

 

Die belgischen Liebhaber besitzen eine Spezialkarte für Ihre Touren, auf welche alle Orte eingezeichnet sind, die als Ausgangspunkte für Brieftaubenflüge gelten.

 

 


Der Mediziner Dr. Fèlicien Chapuis (1824-1879) aus Verviers (Belgien) spezialisierte sich hauptsächlich auf das Studium der Käfer (Coleoptera), schreibt aber auch ein Buch über die belgische Reisetaube. Hier sammelt er 1865 sein Wissen zu diesem Thema.

 

Das Buch "Le pigeon voyageur belge" gilt als eines der ältesten Bücher über Brieftauben.

 

Rechthinweis zum Bild links: Unknown, Félicien Chapuis, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

 

Die Bücher „Die belgische Brieftaube“ von Dr. Chapuis in Verviers in französischer Sprache, „Die Brieftaube“ von H.J. Lenzen und das im Druck befindliche Buch „Die Brieftaube“ von Dr. Karl Ruß bilden neben einigen Darstellungen in Zeitschriften das gesamte Material, welches über Brieftauben verfügbar ist.  

 

Karl RußDr. Karl Ruß (1833 -1899), deutscher Ornithologe und Schriftsteller und einer der ersten Autoren aus dem deutsch-sprachigen Raum mit einem Fachbuch über Brieftauben.

 

Im Jahr 1877 verfasste er "Die Brieftaube - Ein Hand- und Lehrbuch für ihre Verpflegung, Züchtung und Abrichtung". Das Buch enthält 12 Holzschnitte und wurde von Carl Rümpler in Hannover aufgelegt.

 

Das Buch kann hier eingesehen werden.

 

Rechtehinweis zum Bild links: NA, Karl Ruß, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

 

Die Wichtigkeit, die von Staats wegen der Brieftaube beigemessen wird, äußert sich im Vorhandensein gesetzlicher Bestimmungen zum Schutz der Brieftauben im Kriegsfall. Es wurde durch die belgische Regierung ein entsprechendes Dekret erlassen, die das Töten oder den Tötungsversuch von Tauben durch Feuerwaffen, Fallen, abgerichtete Greifvögel oder auf andere Art, unter Strafe mit 1-6 Monaten Gefägnis stellt.

 

In Deutschland ist die Taubenliebhaberei in dieser Hinsicht schutzlos. Ruß berichtet, dass erste Schritte in diese Richtung aber bereits getan seien und mit einer entsprechenden Regelung demnächst zu rechnen ist.