Die Jahre zwischen den Weltkriegen


Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges gestaltete sich die Lage der Menschen in Deutschland und eben auch der Brieftaubenzüchter schwierig. So hatten die Menschen mit Lebensmittelknappheit und Hunger, der beginnenden Wirtschaftskrise und daraus resultierenden steigenden Preise und einer Inflation zu kämpfen.

 

Die Brieftaubenzüchter hatten neben Problemen mit der eigenen Versorgung mit Lebensmitteln auch Schwierigkeiten Futter für ihre Tauben zu beschaffen. Die Verkehrslage war schlecht, in den besetzen Gebieten gab es teilweise oder komplette Flugverbote, so dass es in den unbesetzen Gebieten ab 1919 wieder Brieftaubenflüge gab.

 

Aufgrund der Gegebenheiten allerdings nur in sehr eingeschränktem Umfang.

 

Nach Abschluss der Versailler Verträge im Juni 1919 endete die jahrzehntenlange enge Verbindung des Verbandes Deutscher Brieftaubenzüchter-Vereine e.V. zum Kriegsministerium. So wurde dann auch letztmalig eine Zuschuss des Kriegsministerium an den Verband ausgezahlt.

 

Damit entfiel auch der Status der verbandlichen Brieftauben als Militärbrieftauben und auch das sogenannte Brieftaubenschutzgesetz, welches Militärbrieftauben unter einen besonderen Schutz gestellt und verschiedene Vergünstigungen beinhaltete, wurde aufgehoben.

 

Damit entfielen auch die vom Staat zur Verfügung gestellten "Staatsmedaillen für besondere Verdienste um das Militär-Brieftaubenwesen", so dass der Verband in der Folge eigene Medaillen auflegte.

 

Die Medaille gab es in bronze und in silberner Ausführung. Sie zeigt den Präsidenten Conrad Troullier und auf der anderen Seite eine Taube und den Schriftzug des Verbandes dt. Brieftaubenzüchter-Vereine e.V..


Medaille des Verbandes dt. Brieftaubenzüchter-Vereine e.V. mit dem Präsidenten Conrad Troullier (Essen)
Medaille des Verbandes dt. Brieftaubenzüchter-Vereine e.V. mit dem Präsidenten Conrad Troullier (Essen)

Die Weltwirtschaftskrise, die Deutschland besonders hart traf und für Massenarbeitslosigkeit in der Bevölkerung sorgte und die in der Folge unsichere politische Lage in Deutschland gingen auch am Verband deutscher Brieftauben-Liebhaber e.V. nicht spurlos vorbei.

 

In der Folge und im Zuge der Machtübernahme durch die NSDAP wurde der Verband in die Fachschaft IV des Reichsverbandes für Geflügelzucht eingegliedert. So durfte man noch als Verband deutscher Brieftauben-Liebhabervereine e.V. das Jubiläum zum 50.jährigen Bestehen in Essen feiern, um dann die Eigenständigkeit für geraume Zeit zu verlieren.

 

Anläßlich der Eröffnungsfeier der Olympischen Spielen des Jahres 1936 wurden in Berlin 100.000 Brieftauben gestartet und verhalfen zwar den Brieftaubenzüchtern aus Deutschland, aber eben auch dem Regime des Deutschen Reiches zu einem international beachteten Auftritt.

 

Dies sollte Deutschland als ein nach dem Ersten Weltkrieg gewandeltes, friedliebendes Land präsentieren - das Bild der Friedenstaube passte hervorragend zu diesem von Hitler angestrebten Image.


Olympiastadion Berlin 1936
Olympiastadion Berlin 1936
Medaille anläßlich des Starts von 100.000 Brieftauben bei Eröffnungsfeier der Olympiade 1936 in Berlin
Medaille anläßlich des Starts von 100.000 Brieftauben bei Eröffnungsfeier der Olympiade 1936 in Berlin

Am 01. Oktober 1938 änderten sich grundlegende Dinge für die Brieftaubenzüchter: an diesem Tag trat das sogenannte "Brieftaubengesetz" in Kraft. Gleichzeitig wurde das "Gesetz betreffend den Schutz der Brieftauben und den Brieftaubenverkehr im Krieg"  (sog. Brieftaubenschutzgesetz) aus dem Jahr 1894 formell außer Kraft gesetzt.

 

Aus der neuen Gesetzgebung ergab sich eine Erlaubnispflicht zur Haltung von Brieftauben, die nur zuverlassigen Personen erteilt werden durfte und an die Mitgliedschaft in der von der Aufsichtsbehörde bestimmten Fachorganisation für das Brieftaubenwesen geknüpft war.

 

Auch musste ein Nachweis über den Verbleib von Brieftauben und Ringen geführt werden. Dies alles aus Angst vor Spionage bzw. vor dem Hintergrund, es könnten durch nicht registrierte Brieftauben Nachrichten übermittelt werden, die nicht durch die Staatsführung veranlasst waren.

 

Aus § 10 des Brieftaubengesetzes lässt sich entnehmen, dass es eigene Brieftaubenschläge der Wehrmacht, der SS (Schutzstaffel) und auch der SA (Sturmabteilung) der NSDAP gegeben hat, die ebenfalls der jeweilgen Ortspolizeibehörde gemeldet werden mussten.



Im Jahr 1938 fand erstmalig die IBRA statt, die Internationale Brieftauben Ausstellung.

Sie war an einen internationalen Kongress angegliedert. Die IBRA wird allgemein als Vorgängerin der Brieftauben-Olympiaden angesehen.

 

Es gab vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges insgesamt zwei Veranstaltungen unter dem Namen IBRA in Brüssel (1938) und Köln (1939).

 

Der Internationale Brieftaubenverband FCI (Federation Colombophile Internationale) hatte sich 1937 in Brüssel gegründet. Brieftauben-Olympiaden zweijährlichen Abstand und damit in der Form wie wir sie heute kennen, wurden erst ab 1949 initiiert.


Erinnerungsplakette zur 2. Intern. Brieftauben Ausstellung (IBRA) und Kongress im Dezember 1939
Erinnerungsplakette zur 2. Intern. Brieftauben Ausstellung (IBRA) und Kongress im Dezember 1939

Mit der 1. Verordnung zur Durchführung und Ergänzung des Brieftaubengesetzes vom 29.11.1938 wurde dann u.a. geregelt, dass Juden die Erlaubnis zur Haltung von Brieftauben grundsätzlich nicht erteilt wird.

 

Die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung durch staatliche Sanktionen weitete sich also in der damaligen Zeit auch in den Bereich des Brieftaubenwesens aus. Es unterstreicht aber auch die potentiellen Möglichkeiten der Brieftaubenzüchter und die Gefahren, die von staatlicher Seite im Besitz und der Nutzung von Brieftauben gesehen wurden.

 

Als Fachorganisation für das Brieftaubenwesen wurde der Reichsverband für Brieftaubenwesen e.V. bestimmt.

 

In diesen Jahren veränderte sich die Zuordnung und Namensführung des ursprünglichen Verbandes deutscher Brieftauben-Liebhabervereine e.V. also relativ häufig, auch abhängig von den jeweiligen politischen Vorgaben:

 

ab 01.07.1933: Reichsfachschaft 4 im Reichsverband der Geflügelwirtschaft

 

ab 09.07.1934: Reichsfachgruppe Reisebrieftaubenzüchter im Reichsverband Deutscher Kleintierzüchter e.V.

 

ab 17.10.1934: Selbstständige Reichsfachgruppe Reisebrieftaubenzüchter

 

06.02.1935: Reichsverband für Brieftaubenwesen e.V.

 

ab 24.10.1935: Reichsfachgruppe Reisebrieftaubenzüchter im Reichsverband Deutscher Kleintierzüchter e.V.

 

ab 10.12.1935: Reichsfachgruppe Reisebrieftaubenwesen e.V. im Reichsverband Deutscher Kleintierzüchter e.V.

 

ab 08.11.1938: Selbstständige Reichsfachgruppe Reisebrieftaubenwesen e.V.

 

ab 19.01.1939: Reichsverband für Brieftaubenwesen e.V., Sitz Berlin

 

Ähnlich wie die Namensführung wechselte auch die Geschäftsführung und die Präsidentschaft in dieser Zeit fortwährend.

 

Nach Kriegsausbruch änderte sich zum 01.02.1940 die Bezeichnung dann nochmals, nun in Reichsverband für Brieftaubenwesen e.V., Sitz Köln. Dabei blieb es für die Dauer des Zweiten Krieges.